Zürcher Pionierin – Susanna Orelli

Aufgewachsen in einer 9-köpfigen Familie als Bauerstochter zeigt sich Susanna Orelli als äusserst aufgeweckte und lernbegeisterte Person. Später tritt sie durch ihre Mithilfe in der Heilanstalt Burghölzli mit der Abstinenzbewegung in Kontakt, wodurch unter anderem der Wunsch aufkommt, das Elend des Alkoholismus zu bekämpfen – ein erster Schritt zum späteren ZFV.

Andrea Penocchio, 1. April 2019

Susannas Elternhaus und Jugend

Susanna wuchs in einer wohlhabenden Bauernfamilie in Zürich auf. Der Vater, Heinrich Rinderknecht, war nicht nur Landwirt, sondern auch Gemeindepräsident des Zürcher Aussenquartier Oberstrass. Gemeinsam mit seiner Frau Susanna geb. Stadelmann, hatte er sieben Kinder, wovon Susanna Orelli das fünfte war. Sie war in ihrer Jugend nicht nur aufgeweckt und politisch interessiert, sondern auch äusserst lernbegeistert. Ihre Eltern erlaubten ihr einen viermonatigen Sprachaufenthalt in der Westschweiz, was für das 19. Jahrhundert relativ ungewöhnlich war. Aber die Eltern waren der Meinung, dass sich ihre Kinder bilden sollen und durften bereits im Alter von 15 Jahren alleine mit einem begrenzten Budget kleine Reisen unternehmen, so konnten sie den Umgang mit Geld lernen.

Der Weg der beiden Orelli Schwestern

Bereits in der Kindheit hatten die beiden Schwestern ein enges Verhältnis. Dass die ideale Lebensgemeinschaft der beiden Frauen zustande kam, lag zumindest teilweise in der Hirntyphuserkrankung Carolins begründet. In der Heilanstalt «Burghölzli» – der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich – wurde sie unter der Leitung des berühmten Arztes August Forel behandelt. Als Dank engagierten sich die beiden Schwestern bei der Patientenbetreuung vor Ort und kamen so auch mit der Abstinenzbewegung in Kontakt. Neben der Betreuung in der Heilanstalt Burghölzli, betätigte sich Susanna Orelli bei der Freiwilligen- und Einwohnerarmenpflege und schloss sie sich dem Blauen Kreuz an.

Gemeinsam gegen den Alkohol

Schon in der Kindheit sieht Susanna die verheerenden Folgen des Alkoholismus aus nächster Nähe: Nachdem ein Betrunkener Feuer gelegt hatte, brannte die Scheune ihres elterlichen Hofes ab und Susannas Bruder kam bei einem Autounfall, bei dem ebenfalls Alkohol im Spiel war, ums Leben. Susanna und ihre Schwester möchten in diesem Elend helfen. Susanna ist eines der ersten Mitglieder des «Initiativkomitees zur Einrichtung alkoholfreier Wirtschaften». 1894 initiierte sie die Gründung des Zürcher Frauenvereins für Mässigkeit und Volkswohl. Nach dem Vorbild der englischen Kaffeehäuser eröffnete der Verein das erste alkoholfreie Restaurant in Zürich – der Kleine Marthahof.

Ehrendoktor in Anerkennung

Susanna Orelli ist untrennbar mit dem ZFV verbunden. In Anerkennung des ausserordentlichen Engagements, dem die vielen Erfolge zu verdanken sind, wird Susanna Orelli 1919 mit der Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät der Universität Zürich ausgezeichnet. Sie ist die erste Frau, der diese Ehre zu Teil wird. Mit 74 Jahren gibt Susanna all ihre Aufgaben beim ZFV ab. Am 12. Januar 1939, im Alter von 93 Jahren, schläft sie für immer ein. Der Ruf als Zürcher Wirtschaftspionierin ist nach wie vor ungebrochen. Daran erinnert nebst der nach ihr benannten Orellistrasse auf dem Zürichberg auch ein Brunnen an der Kreuzung Orelliweg-Hanslinweg in Zürich.