Hühnerhof: Piepmatze mit Ausblick

1’700 Mastküken leben auf dem Hof von Rosmarie und Bruno Segmüller in einem Stall mit Wintergarten, Tageslicht und Futter aus Rheintaler Mais. Das hochwertige Fleisch aus dem Toggenburg landet später als Alpstein-Poulet in verschiedenen ZFV-Betrieben in Zürich – nur eineinhalb Fahrstunden vom Stall entfernt.

23. Dezember 2018

Fakten und Zahlen

Verglichen mit anderen Mastbetrieben bilden die 1’700 Hühner der Segmüllers eine kleine Herde. Während 40 Tagen fressen die Tiere rund 5 Tonnen Futter, das zu über 50 Prozent aus einheimischem Getreide besteht. Anders als konventionelles Futter enthält es keine Soja, sondern bezieht sein Protein von Erbsen und Kartoffeln. Im Jahr produziert das Ehepaar 25 Tonnen Alpstein-Poulet.

«Ich freue mich, dass du mich jeden Mittag anlächelst.» Rosmarie Segmüller staunte nicht schlecht, als ein Kollege aus dem Veloclub sie grinsend ansprach. Bald klärte er das Rätsel auf: In der Mensa in Zürich, in der er regelmässig Zmittag esse, stehe ein Bild der Segmüllers. Denn das Bauernpaar produziert das Fleisch, aus dem die Köche in mehreren ZFV-Kantinen Thai-Curry, Coq au Vin oder gefüllte Pouletbrüstchen zubereiten. Dank dem Futter, das viel Rheintaler Mais enthält, erhält das Fleisch eine schöne Farbe. Und vielleicht schmeckt man auch, dass die Hühner besonders tierfreundlich gehalten wurden? Besonders tierfreundlich bedeutet, dass die Tiere in einem Stall mit Tageslicht, Auslauf, Sitzerhöhung und natürlichem Tagesrhythmus leben. «Das sind Auflagen, die von Kontrolleuren des Bundes überprüft werden», erklärt Landwirt Bruno Segmüller. Besonders tierfreundlich meint bei den Segmüllers auch, dass sie sich Zeit für die Tiere nehmen, mit ihnen sprechen und mehrmals täglich schauen, ob es dem Federvieh gut geht.

Beruhigende Worte im Stall

Bruno Segmüller klopft an, bevor er in sauberen Gummistiefeln – Hygiene ist oberstes Gebot in der Geflügelhaltung – den Stall betritt. «Ich möchte die Tiere nicht erschrecken», sagt er. Trotzdem stieben die gelben Federknäuel auseinander, piepsen leise. Bruno Segmüller murmelt ein paar beruhigende Worte, überprüft die Wasserleitungen und greift sich dann eines der Küken. Das sieben Tage alte Huhn sitzt ruhig in seiner warmen Hand. An den Flügeln sind erste weisse Federn zu sehen, die nach und nach den gelben Flaum ablösen. Rosmarie Segmüller kommt dazu, auch sie mit einem Bibeli in der Hand. «Das ist ein Weibchen», sagt sie, und weist auf die vergleichsweise kurzen Federn. Anders als bei der Eierproduktion werden in den Mastbetrieben sowohl männliche als auch weibliche Tiere gehalten.

An warmen Tagen öffnet der Wintergarten

Wer für den Fleischhändler Bianchi AG Alpstein-Poulet produziert, betreibt sogenannte Lohnmast. Alle acht Wochen fährt bei den Segmüllers ein Lastwagen vor, der 1700 frisch geschlüpfte Küken der Rasse «Ross» abliefert – jeweils 100 in einer Kiste. Auch Futter und fachliche Unterstützung erhalten die Bauern über Bianchi.

Der Schlachthof liegt in der Region

Etwa 40 Tage bleiben die Hühner bei den Segmüllers, bis sie ihr Schlachtgewicht von rund 2.2 Kilogramm erreicht haben. Wieder fährt ein Lastwagen vor, wieder werden die Tiere sorgfältig in Kisten platziert. Damit das Verladen schnell geht, helfen auch die vier (fast) erwachsenen Kinder mit. Nervös seien die Tiere nicht, versichert der Bauer. «Sie werden abends abgeholt, wenn das Licht bereits gedämpft ist. Die Hühner sind dann ganz ruhig.» Die Fahrt zum regionalen Schlachthof in Staad am Bodensee dauert nicht lange. Es ist ein kleiner, aber moderner Betrieb, in dem die Tiere mit schonenden Methoden geschlachtet werden.

«Wir bieten ihnen ein gutes Leben hier und behandeln sie mit Respekt»

Arbeiten mit der Natur

Und trotzdem: Wenn man die kleinen Piepmatze jetzt so sieht, tut einem der Gedanke da nicht leid, dass ihr Leben bald vorbei ist? Für Rosmarie und Bruno Segmüller, die beide aus Bauernfamilien kommen, ist die Haltung von Nutztieren Alltag – auch dass sie eines Tages geschlachtet werden, gehört dazu. «Wir bieten ihnen ein gutes Leben hier und behandeln sie mit Respekt», so die Bäuerin. Sieben Tage die Woche sind sie im Einsatz, bis zu 12 Stunden am Tag, Ferien gibt es selten. «Aber ein anderes Leben kann ich mir gar nicht vorstellen. Für mich war schon immer klar, dass ich Bauer werden und in der Natur arbeiten möchte», meint ihr Mann.

Acht Tage Pause

Nachdem die Hühner abgeholt wurden, reinigt Bruno Segmüller den Stall mit dem Hochdruckreiniger und desinfiziert die Flächen und Wasserrohre, bevor nach acht Tagen Pause die nächste Kükenfuhr kommt. Das Futtersilo wird aufgefüllt, die automatische Fütter- und Wasseranlage kontrolliert und gewartet. «Das gibt jedes Mal eineinhalb Tage Arbeit.»

Fakten und Zahlen

Verglichen mit anderen Mastbetrieben bilden die 1’700 Hühner der Segmüllers eine kleine Herde. Während 40 Tagen fressen die Tiere rund 5 Tonnen Futter, das zu über 50 Prozent aus einheimischem Getreide besteht. Anders als konventionelles Futter enthält es keine Soja, sondern bezieht sein Protein von Erbsen und Kartoffeln. Im Jahr produziert das Ehepaar 25 Tonnen Alpstein-Poulet.