Die erste alkoholfreie Kaffeestube

Vor dem Hintergrund des unermesslichen Elends aufgrund des Alkoholkonsums, gründeten 1894 einige Zürcher Damen, darunter Susanna Orelli-Rinderknecht und Nanny Huber-Werdmüller den Frauenverein für Mässigkeit und Volkswohl. Noch im selben Jahr eröffneten sie Mitte Dezember die erste alkoholfreie Kaffeestube in Zürich.

Andrea Penocchio, 8. April 2019

Fakten und Zahlen

15. Januar 1894
bis 15. Januar 1895

Einnahmen: CHF 698.70
Ausgaben: CHF 695.95
Überschuss: CHF 2.75

15. Janaur 1895
bis 15. März 1895

Einnahmen:
CHF 1’791.18
Ausgaben: CHF 1’674.34
Überschuss: CHF 116.84

Wie alles begann

Mit dem Ziel, ein alkoholfreies Volkshaus nach englischem Vorbild aufzubauen, bildete sich ein Initiativkomitee von Männern und Frauen. Es sollte ein Bazar veranstaltet werden um die nötigen Mittel zu beschaffen. Die Männer fanden den Zeitpunkt jedoch viel zu früh und zogen sich in letzter Minute zurück. Die Frauen allerdings, beschlossen den geplanten Bazar trotzdem durchzuführen. Aus dem davon erzielten Ertrag sollte zumindest ein bescheidener Anfang gemacht und eine Kaffeestube errichtet werden. Der stattliche Erlös von CHF 17’184.60 (entspricht heute ca. CHF 180’000.00) bildete den Grundstein.

Startschuss ins Blaue

Noch bevor die Statuten vorliegen und genehmigt sind, machen sich die Frauen an die Eröffnung des ersten alkoholfreien Kaffeehauses in Zürich – der kleine Marthahof. Es stellte sich heraus, dass sie zwar durch den durchgeführten Bazar über ein beachtliches Kapital verfügten, jedoch nicht genau wussten, wie sie damit umgehen sollten. Zielvorgaben für die Kaffeestube und deren Angebot und Ausstattung waren anfangs nicht konkret definiert. Zudem gab es untereinander weder bei der Personalrekrutierung noch bei der Entscheidung der Einrichtung Einstimmigkeit.

Gästeansturm überfordert Geschäftsführerin

Die Lokalität ist gefunden. Die ehemalige Malerwerkstatt an der Stadelhoferstasse in der Nähe des Bellevues wird für 1000 Franken pro Jahr gemietet. Im kleinen Marthahof werden zwei Stuben eingerichtet. Eine ist für die arbeitende Gesellschaft gedacht und die andere für wohlhabendere Leute. Mitte Dezember 1894 wird das Kaffeehaus eröffnet. Vom ersten Tag an war die Nachfrage nach alkoholfreien Verpflegungsmöglichkeiten gross. Dem enormen Ansturm war die damalige Geschäftsführerin nicht gewachsen. Als diese nach wenigen Tagen überfordert ausfällt, springt Susanna Orelli beherzt ein, übernahm temporär die Betriebsleitung und stand auch in der Küche und an der Kasse. Diese spontane und unkomplizierte Hilfsbereitschaft war charakteristisch für die Macherin Susanna Orelli.

Begeisterung seitens Gesellschaft und Presse

Nicht nur die Gäste waren von der Kaffeestube begeistert, sondern zog der kleine Marthahof auch die Aufmerksamkeit der Presse auf sich. Diese ist im Vorhaben der Zürcher Frauen von Anfang an positiv gesinnt. So verbreitet sich die Existenz und das Angebot vom kleinen Marthahof schnell. Zudem werden die freundliche Bedienung, das heimelige Ambiente und die Sauberkeit gelobt. Der kleine Marthahof bietet trotz günstigen Preisen ein qualitativ gutes Angebot. Das Echo der Öffentlichkeit war so gross, dass bereits im ersten Monat ein Einnahmeüberschuss von 2.75 Franken erzielt wurde. Nach drei Monaten ist der Überschuss sogar auf 116.84 Franken gestiegen.
Der überwältigende Erfolg verdankte sich wohl dem grossen Bedürfnis nach Alternativen zu den bisherigen Wirtshäusern in Zürich und dem attraktiven Angebot. Es folgten weitere Wirtschaften wie das Restaurant Karl der Grosse und der Olivenbaum an der Stadelhoferstrasse. Zudem begann man mit dem Bau eines Kurhauses auf dem Zürichberg.

Fakten und Zahlen

15. Januar 1894
bis 15. Januar 1895

Einnahmen: CHF 698.70
Ausgaben: CHF 695.95
Überschuss: CHF 2.75

15. Janaur 1895
bis 15. März 1895

Einnahmen:
CHF 1’791.18
Ausgaben: CHF 1’674.34
Überschuss: CHF 116.84