Der Alkohol, der Psychiater und die starke Frau

Um grosse Probleme zu lösen, braucht es aussergewöhnliche Persönlichkeiten. Als die «Volkskrankheit» Alkohol gegen Ende des 19. Jahrhundert ihren traurigen Höhepunkt erreichte, trafen sich mit Susanna Orelli und August Henri Forel zwei solche Persönlichkeiten.

Andrea Da Rugna, 18. Februar 2019

Im 19. Jahrhundert hatte sich die Kartoffel in Europa als Grundnahrungsmittel etabliert. Die energie- und vitaminreiche Knolle war der Hauptbestandteil des Speiseplans von unzähligen Fabrikarbeitern und Bauern geworden. Vor allem die günstigen Anbaubedingungen führten auch in der Schweiz zu einer raschen Verbreitung. Die Kartoffel brachte aber nicht nur eine Möglichkeit zur Ernährung der armen Bevölkerung, sondern ermöglichte auch eine billige Alkoholproduktion. Der daraus resultierende Alkoholmissbrauch führte zur zunehmenden Verelendung der Massen.

Weil Arbeiter ihren Lohn gleich in einer der zahlreichen Wirtsstätten, welche durch gelockerte Bedingungen nach der Totalrevision der Bundesverfassung von 1874 wie Unkraut aus dem Boden schossen, für Schnaps und Bier ausgaben, blieb für das Essen der Familie kaum etwas übrig. Die grassierende Trinksucht in der Schweizer Gesellschaft führte schlussendlich zu Widerstand in Form der Abstinenzbewegung. Diese nahm mit der Gründung des «Blauen Kreuz» im Jahr 1877 durch den Genfer Pfarrer Louis-Lucien Rochat eine institutionelle Form an.

Der Westschweizer, der dem Alkohol den Kampf ansagte

August Forel gilt als der «Vater der Schweizer Psychiatrie» und war einer der prominentesten Vertreter der Abstinenz­bewegung. Er absolvierte nach seiner Matura in Lausanne das Medizinstudium an der Universität Zürich, in der er später als Professor für Psychiatrie tätig war. Gleichzeitig übernahm er das Direktorat im «Burghölzli», der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich.

In der Klinik kam Forel mit zahlreichen alkoholkranken Menschen in Kontakt und konnte die verheerenden Wirkungen von Alkoholmissbrauch hautnah mitverfolgen. Dies war wohl entscheidend für seinen Beschluss, dem «Blauen Kreuz» beizutreten und sich fortan aktiv für eine alkoholfreie Gesellschaft einzusetzen.

Ein schicksalhaftes Treffen

Aufgrund einer Hirntyphuserkrankung musste Caroline Orelli, die Schwester von Susanna Orelli, über einige Zeit im «Burghölzli» stationär behandelt werden. Susanna Orelli besuchte ihre Schwester oft, da sie mit dieser schon seit ihrer Kindheit ein enges Verhältnis pflegte. Dort traf sie August Forel.

Susanna Orelli und ihre Schwester kamen schon früh mit den verheerenden Wirkungen von übermässigem Alkoholkonsum in Kontakt. In ihrer Kindheit wurde eine Scheune ihrer Eltern durch einen Betrunkenen unabsichtlich in Brand gesteckt und ihr Bruder kam bei einem Unfall ums Leben, bei dem Alkohol im Spiel gewesen war.

Der erste Schritt

Auch nach der Heilung von Carolines Krankheit blieben Susanna Orelli und August Forel in Kontakt. Die beiden Schwestern besuchten Vorträge und Diskussionrunden von und mit Forel und beteiligten sich an der Lösungsfindung der Alkoholproblematik. Das grösste Potential sahen die Mitglieder der Abstinenzbewegung in alkoholfreien Kaffeehallen. Diese Idee hatte ihren Ursprung in England und war auch schon von Rochat propagiert worden, wenn auch nur mit mässigem Erfolg.

Susanna Orelli nahm dieses Projekt in Angriff und gründete zusammen mit anderen Zürcher Damen der Mittelklasse den Frauenverein für Mässigkeit und Volkswohl. Diese eröffneten im Dezember 1894 das alkoholfreie Restaurant «Kleiner Martahof», welches ein voller Erfolg wurde und dabei erst den Anfang des Frauenvereins markierte.

Eine Lebensaufgabe

Sowohl Susanna Orelli als auch August Forel kämpften bis zu ihrem Tod gegen den Alkohol und waren sozial auch anderweitig engagiert. Beide setzten sich für die Gleichstellung der Frau im Berufsleben und im Alltag ein. August Forel war ausserdem als aktiver Sozialist, Pazifist und Internationalist bekannt. Weniger rühmlich galt er auch als Vertreter der Eugenik, was aber dem damaligen Zeitgeist entsprechend nicht aussergewöhnlich war. Für ihr Lebenswerk erhielten beide den Ehrendoktortitel der Universität Zürich.