Ära Hirzel

Die Nachfolgerin von Susanna Orelli-Rinderknecht engagierte sich bereits in jungen Jahren als freiwillige Helferin bei den «Alkoholfreien». Der ZFV bekam in der Ära Hirzel in den wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten schärfere Konturen und entwickelte sich zu einem stabilen Unternehmen der Zürcher Wirtschaft.

Andrea Penocchio, 24. Juni 2019

Ausgeprägtes Gespür für Geschäfte

Marie Hirzel wurde im Jahr 1881 als Tochter des Zürcher Arztes und Schulpräsidenten Paul Hirzel und der aus Frankfurt am Main stammenden Auguste Varrentrab geboren. Schon früh zeigt sich Marie Hirzel als pragmatische Person mit grosser Hilfsbereitschaft und einem enormen Verantwortungsbewusstsein. Sie hatte schon immer ein ausgeprägtes Gespür für Geschäfte und für das Machbare.

Der erste Kontakt mit dem ZFV

Marie Hirzel entschied sich mit 17 Jahren als freiwillige Helferin an der Eröffnung des ZFV-Betriebes «Karl der Grosse» mitzuwirken. Mit 26 Jahren scheint ihre Zukunft bestimmt zu sein: Sie hütet die Kinder ihrer Geschwister und pflegt ihre in die Jahre gekommenen Eltern. Zu dieser Zeit wünscht sie sich ein Engagement, das über ihre häuslichen Pflichten hinausgeht. So erinnert sich Marie Hirzel gerne an die Zeit und die Arbeit beim ZFV. Sie entschliesst sich, mit einem ihr bekannten Mitglied des ZFV-Vorstands ins «Rütli» zu gehen und die Beziehung wieder aufleben zu lassen. Wie es der Zufall will, ereignet sich vor Ort ein Arbeitsunfall: Eine Angestellte, die für die Bedienung des Speiseaufzugs zuständig war, brach sich den Arm. Kurzentschlossen sprang Marie Hirzel ein. Wenig später betritt die damalige Geschäftsleiterin Susanna Orelli das «Rütli», um nach dem Rechten zu sehen und interessiert sich dafür, wer die spontan eingesprungene Helferin ist. So beginnt die gemeinsame Geschichte der beiden Frauen.

Ära Hirzel

1907 wird Marie Hirzel fest angestellt. Susanna Orelli führt sie persönlich in die Buchhaltung und das Rechnungswesen ein. Sie erlernt die Wirtschaftsführung von der Pike auf. Weil die beiden Frauen über eine ähnliche Mentalität verfügen, wird Marie Hirzel 1915 die rechte Hand von Orelli, nach deren Ausscheiden im Jahr 1919 übernimmt sie ihre Aufgaben wie auch jene der Präsidentin Marie Finsler. Aus dieser Personalunion – Präsidentin und Geschäftsführerin – resultiert neben einer enormen Mehrarbeit auch eine grössere Handlungsfreiheit. So kann sie ihrem Tätigkeitsdrang Raum verschaffen und im Sinne Orellis mit dem Ausbau des ZFV fortfahren.
Während rund 37 Jahren verwaltete Marie Hirzel das Erbe von Susanna Orelli. Während den wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten, welche die Weltwirtschaftskrise 1929 und der Zweite Weltkrieg 1939-1945 mit sich brachten, bekam der ZFV schärfere Konturen und entwickelte sich zu einem stabilen Unternehmen der Zürcher Wirtschaft. Insgesamt eröffnete Marie Hirzel 14 alkoholfreie Betriebe – darunter das Hotel Seidenhof. Zudem setzte sie sich für die Einrichtung alkoholfreier Restaurants an Grossveranstaltungen, wie die Landesausstellung in Bern 1914 und in Zürich 1939, sowie die Saffa 1928, ein. Als Marie Hirzel das Unternehmen Ende 1956, im Alter von 75 Jahren verlässt, betreibt der ZFV 17 Betriebe. Auch im Alter führte Marie Hirzel ein aktives Leben. Mit 87 Jahren im Jahr 1969 findet sie schliesslich einen schnellen Tod.